Martin Frank saß da, den Zeitplan im Kopf.
Zwei Luxus-Chalets in Lech, jenseits der Grenze in Österreich. Ein Spabereich mit einem Raum für Klangtherapie, einem Salzraum, einer Sauna, einem Fitnessstudio und eigenem Personal vor Ort. Der Umfang der Arbeiten war immens und das Zeitfenster betrug gerade einmal sieben Wochen. Die einzige wirkliche Flexibilität des Kunden bestand darin, an wen der Auftrag vergeben wird.
- Es muss am 6. Dezember fertig sein, wenn die Skisaison beginnt. Punkt. Ohne Wenn und Aber.
Ritter und Frank, Martins Unternehmen in der Nähe von Stuttgart, ist seit 1868 im Maler- und Stuckateurhandwerk tätig. Siebzehn Mitarbeiter. Bereits volle Auftragsbücher. Der Architekt hatte ihn direkt angerufen, weil Ritter und Frank für eine ganz bestimmte Sache bekannt ist.
- Wir haben diese Anfrage eigentlich wegen der Akustik bekommen.

Das Projekt erforderte ein durchgängiges Gestaltungskonzept für Decken- und Wandflächen. Akustikdecken zählen zu den anspruchsvollsten Arbeiten im Innenausbau: Ein spezielles Material wird so verarbeitet, dass es Schall absorbiert und zugleich wie makellose Architektur wirkt. Die Decken bieten eine hervorragende akustische Wirkung, während die Wandflächen durch hohe Wasserdampfdurchlässigkeit überzeugen – sie atmen – und das bei hochwertiger Ästhetik. Sichtbare Übergänge oder Unebenheiten sind dort praktisch ausgeschlossen. Ritter und Frank hatte über Jahre hinweg genau diese Kompetenz aufgebaut.
Diese Spezialisierung öffnete die Tür. Die eigentliche Herausforderung war die Kapazität.
- Die Größenordnung des Projekts war gewaltig, und wir sollten es in sieben Wochen abschließen. Selbst mit all meinen eigenen Leuten hätten wir es nicht geschafft.
Lech am Arlberg war für Martin Frank kein unbekannter Ort. Seit seiner Kindheit verbringt er dort im Winter seinen Skiurlaub. Er wusste, welche Anforderungen ein Luxus-Chalet dieser Größenordnung mit sich bringt – und er wusste auch, wen er anrufen musste, um die nötigen Fachkräfte zu finden.
Also griff Martin zum Hörer.

Zwei Unternehmen. Ein Team. Eine Deadline.
Der Anruf ging an Jochen Bauer, ein langjähriger Freund und ebenfalls Malermeister. Schon lange vor dem Chalet-Projekt arbeiteten beide Unternehmen immer wieder zusammen, wenn Projekte die Kapazitäten eines einzelnen Betriebs überschritten.
- Also fragte ich herum und bekam drei von Jochens Leuten - manchmal vier, wenn wir sie brauchten.
Beide Teams arbeiteten gemeinsam auf derselben Baustelle – Maler und Stuckateure. Auf demselben Gerüst stellten sie dieselben Decken fertig - Seite an Seite mit Martins Leuten. Zwei Unternehmen. Ein Team. Eine Deadline.
- Wir sind schon lange eine Gruppe von Freunden, diese Unternehmen. Beck, Übelacker, Ritter und Frank, Bauer.

Der Tag, an dem sie nicht anfangen konnten
Nichts bei diesem Auftrag lief reibungslos. Martin sagt es selbst - vom ersten Tag bis zur Fertigstellung: Stress, schlaflose Nächte, Momente, in denen man sich fragt, ob alles zusammenhalten wird.
Ein besonders kritischer Moment entstand gleich zu Beginn: Zehn Mitarbeitende von Ritter und Frank standen bereit auf der Baustelle – konnten ihre Arbeit jedoch nicht aufnehmen, weil vorbereitende Arbeiten noch nicht abgeschlossen waren.
Die Oberflächen waren nicht bereit für seine Maler. Zehn Leute auf der Uhr, nirgendwo ein Anfang. Bei einem gewöhnlichen Auftrag wäre das eine Verzögerung gewesen. Bei einem Sieben-Wochen-Auftrag mit Skilift-Deadline ist es der Anfang einer Katastrophe.
Martin disponierte um. Andere Gewerke am Chalet kamen zum Zug: Seine eigenen Maler wichen auf die Flächen aus, die bereits fertig gestellt waren. Das Projekt bewegte sich seitwärts, bis Vorarbeiten abgeschlossen waren. So lief das sieben Wochen lang - über den gesamten Projektverlauf hinweg, musste der gesamte Ablauf immer wieder neu angepasst werden.

Warum die meisten Unternehmer im Handwerk zögern
Zwei Dinge halten Handwerksbetriebe davon ab, Projekte zu teilen - selbst wenn Nachfrage vorhanden ist.
Der häufigste Grund ist wirtschaftlicher Natur.
- Alleine hätte ich diesen Auftrag ablehnen müssen - und es war ein Projekt mit einer guten Marge.
Die Entscheidung bestand nicht zwischen einer größeren oder kleineren Marge. Sie bestand zwischen einem hochwertigen Großauftrag und gar keinem Auftrag.
Die Baustelle zu teilen, schmälerte nicht den Projekterfolg. Premium-Aufträge erfordern Geschwindigkeit und Größe. Durch die Bündelung von Ressourcen konnten sie mehr Arbeit in kürzerer Zeit abliefern, als jedes 17-köpfige Unternehmen allein hätte annehmen können.
Stellt man ihm die Frage direkt - wenn zwei Unternehmen ein solches Projekt teilen, ist eins plus eins dann wirklich noch zwei oder eher so etwas wie drei?
- Ja, ja. Absolut.

Warum gerade jetzt?
Gerade in Zeiten schwächerer Baukonjunktur steigt der Druck auf Handwerksbetriebe, möglichst jeden Auftrag anzunehmen – auch solche, die allein kaum zu bewältigen sind.
In Zeiten wie diesen ist ein starkes Netzwerk der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Es ermöglicht, anspruchsvolle Premium-Aufträge anzunehmen, die man allein nie hätte besetzen können, während andere Unternehmen absagen müssen.
In Lech funktionierte dieses Netzwerk. Die Decke wurde eingezogen, der Spabereich eröffnete pünktlich und am 6. Dezember checkten die ersten Gäste in ein makelloses Luxus-Chalet ein.
An den letzten beiden Arbeitstagen war Martin selbst vor Ort. Abends saßen beide Teams zusammen. Die Ungewissheit der ersten Tage war verflogen. Was blieb, war eine fertige Decke an einem Ort, den er seit seiner Kindheit kannte – abgeliefert von einem Team, das gerade bewiesen hatte, dass es möglich ist.
Fragt man ihn heute, wie ein 17-köpfiges Familienunternehmen innerhalb von sieben Wochen ein Luxusprojekt dieser Größenordnung realisieren konnte, spricht er nicht über Strategie. Er beschreibt einen Reflex - die richtige Person anrufen.
- Für ein Projekt oder ein Problem gibt es immer eine Lösung. Immer.
In diesem Jahr liegt bereits eine weitere Anfrage mit denselben Rahmenbedingungen auf seinem Schreibtisch: hohe Anforderungen, enges Zeitfenster, grenzüberschreitend. Er geht davon aus, sie auf dieselbe Weise abzuwickeln - mit demselben Anruf. Auf einem Markt, auf dem Aufträge immer schwerer zu bekommen sind, gehört Martin zu den Handwerkenden, die auch anspruchsvolle Projekte weiterhin annehmen können.
- In Zeiten wie diesen ist es gut zu wissen, dass wir solche Aufträge immer noch bewältigen können.
